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Mittwoch, 26 April 2017 12:34

6. Podiumsdiskussion in der Berliner Urania

Am 24. April, dem Internationalen Tag zur Abschaffung der Tierversuche, fand der Tradition folgend zum 6. Mal in Folge eine Podiumsdiskussion in der Berliner Urania statt. Unter der Fragestellung „Zukunft ohne Tierversuche - wird Berlin Forschungshauptstadt der Ersatzmethoden?“ referierten und diskutierten Juniorprofessorin Dr. Sarah Hedtrich vom Fachbereich Pharmazie der Freien Universität Berlin, Dr. Lutz Kloke, Gründer und Leiter des Spin-off Unternehmens Cellbricks, sowie die beiden tierschutzpolitischen Sprecher im Berliner Abgeordnetenhaus, Dr. Stefan Taschner von Bündnis 90/Grüne und Dr. Michael Efler von der Fraktion DIE LINKE. Moderiert wurde die Veranstaltung von André Tonn, Wirtschaftsjournalist beim rbb-Inforadio.



Zur Diskussion der Frage „Zukunft ohne Tierversuche - wird Berlin Forschungshauptstadt der Ersatzmethoden?“ diskutierten Podiumsteilnehmer Dr. Lutz kloke (Cellbricks), Prof. Dr. Sarah Hedtrich (FU Berlin), Dr. Michael Efler (DIE LINKE), Dr. Stefan Taschner (Bündnis 90/Grüne). André Thonn vom Rundfunkt Berlin-Brandenburg (rbb) moderierte (v.r.n.l.).
Foto: Christiane Hohensee


Für die Grundlagenforschung zu Hauterkrankungen sind Tiere nicht geeignet


Prof. Hedtrich untersucht u.a. mittels dreidimensionaler Hautmodelle pathophysiologische Mechanismen entzündlicher Hauterkrankungen wie z.B. Neurodermitis. Und dies mit humanem Zellmaterial, denn lediglich 30 Prozent der mit der Haut assoziierten Gene der Maus stimmen mit denen des Menschen überein. Da es mittlerweile Protokolle für laboreigene Entwicklung von Humanhautmodellen gibt, wird in ihrem Labor am Institut für Pharmazie der Freien Universität Berlin an geeigneten Krankheitsmodellen geforscht. Die Modelle werden aus Haarzellen von Patienten erzeugt.

Einen bedeutenden Beitrag zur Aufklärung eines Krankheitsmechanismus ist der jungen Forscherin auch bereits gelungen: Während die Wissenschaft bislang annahm, dass z.B. Filaggrin, ein Protein, das die beim Verhornungsprozess der Haut in den Keratinozyten gebildet wird, für den Anstieg des pH bei Neurodermitis-Patienten verantwortlich sei, konnte die Wissenschaftlerin diese Annahme widerlegen und experimentell zeigen, dass es die Entzündungsprozesse in den Hautschichten sind, die auf den pH Einfluss nehmen. Jedoch entsprächen die Hautmodelle nicht vollständig der realen Situation. Z.B. fehlten die mechanischen Kräfte, denen die Haut ausgesetzt ist und die die Eigenschaften des Gewebes beeinflussen. Hier gäbe jedoch noch weiteren Entwicklungsbedarf.

Für die Organ-on-a-Chip-Technik erste Ansätze für Gewebe mit Blutgefäßen

Die Cellbricks GmbH unter der Leitung von Dr. Lutz Kloke arbeitet an der Entwicklung eines dreidimensionalen Bioprinters, mit dem sich auf Bestellung humane organähnliche Systeme in Miniaturformat produzieren und z.B. in Organ-on-a-Chip-Systemen zum Ersatz von Tierversuchen nutzen lassen.

Wissenschaftler wählen ihr zu erforschendes „Organ“ aus und Cellbricks nimmt von diesem menschlichen Organ zunächst eine Abstraktion vor, d.h. schrumpft das komplizierte Gebilde auf die kleinste funktionale Einheit und vereinfacht es, um ein CAD-Modell erstellen zu können (CAD=Computer Aided Design). Hiernach werden die notwendigen Zellen gezüchtet und die physiologische Matrix der Wirtszellen aufgebaut.

Ein derzeitiges Problem bei der Entwicklung von miniaturisierten Organähnlichen Systemen ist die ausreichende Nährstoff- und Sauerstoffversorgung im Inneren der Gebilde. Dem will Cellbricks entgegenwirken, indem sich das Team u.a. auch der Konstruktion kleinster Mikrogefäße im Inneren von künstlichen Mikroorganen verschrieben hat. Ein Beispielgewebe in Würfelform mit gefäßähnlichem System wurde vorgestellt. Die kleinsten kapillarähnlichen Gefäße können bereits erfolgreich mit Endothelzellen ausgekleidet werden.



Matrixwürfel mit konstruierten Miniturblutgefäßen aus Glykoproteinen, gedruckt mit dem Bioprinter von Cellbricks.
Foto: Christiane Hohensee


Durch die Versorgung auch im Inneren der Gewebe sind die Zellgebilde 28-30 Tage lebensfähig. An einem Leberläppchen-Modell mit Gefäßen wird bereits gearbeitet.

Politik will BB3R dauerhaft fördern und ausbauen

Berlins neue Regierung, die nun annähernd 100 Tage im Amt ist, hat sich zum Ziel gesetzt, Hauptstadt der tierversuchsfreien Verfahren zu werden. Entsprechend groß waren die Erwartungen im Auditorium an die Vertreter Dr. Stefan Taschner von Bündnis 90/Grüne und Dr. Michael Efler von der Fraktion DIE LINKE zur Frage, wie Berlins Regierung die Umsetzung gestalten will.  Viele politische Entscheidungen wie z.B. eine Bearbeitung des Tierschutzgesetzes oder der EU-Tierversuchsrichtlinie ließen sich nicht auf regionaler Ebene umsetzen, machte Dr. Efler von den LINKEN klar. Ziel der Koalition sei jedoch ein „stationärer Richtungswechsel“ hieß es auf dem Podium. Auf regionaler Ebene – das sei z.B. die Einführung der Tierschutzverbandsklage oder eine Änderung des Hochschulgesetzes, wie unlängst in Saarbrücken in Angriff genommen. Danach verpflichten sich die Hochschulen, die Entwicklung von Methoden und Materialien voranzutreiben, die die Verwendung von lebenden oder eigens hierfür getöteten Tieren verringern oder ganz ersetzen können. Sofern es die mit dem Studium bezweckte Berufsbefähigung zulässt, andere Lehrmethoden und -materialien einzusetzen, soll in der Lehre auf die Verwendung von eigens hierfür getöteten Tieren verzichtet werden.

Auf den Berliner Senat kommen im Sommer Verhandlungen über einen Doppelaushalt 2018/2019 zu. Zunächst wollen Dr. Taschner und Dr. Efler dafür sorgen, dass das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) ausreichend mit Personal ausgestattet wird, um ihre Zuständigkeit der Beurteilung und Genehmigung von Tierversuchsanträgen sowie der Kontrolle der genehmigten Tierversuchsanträge nachkommen zu können. Eine Weiterfinanzierung eines Tierschutzforschungspreises Berlin ist ebenfalls vorgesehen.

Jedoch dürfte die Finanzierung tierversuchsfreier Forschung der wesentliche Beitrag zum Thema sein: Hier wollen die Senatsvertreter dafür Sorge tragen, dass die Finanzierung der Berlin-Brandenburger Forschungsplattform BB3R, deren Bundesfinanzierung in Kürze ausläuft, vom Land verstetigt wird. „Von den 1,2 Mrd. Überschüssen, die das Land erwirtschaftet hat, müsste wohl mehr herauszuholen sein“, so Dr. Taschner von Bündnis 90/Grüne.
Das BB3R beherbergt das Graduiertenkolleg „Innovationen in der 3R-Forschung - Gentechnik, Tissue Engineering und Bioinformatik”. Finanziert werden über das Verbundprojekt eine Professorenstelle und drei Juniorprofessorenstellen. Über das BB3R sind bereits 12 Doktorarbeiten hervorgegangen. Langfristig wird von Senatsseite angedacht, die Forschungsplattform zu erweitern. „Die BB3R muss als Nukleus dienen, wo Dinge immer weiter angelagert werden können“, so Dr. Taschner.



 
Derzeitiger „Leistungsumfang“ der Berlin-Brandenburger Forschungsplattform BB3R ist noch ausbaufähig.
Foto: Christiane Hohensee


Weitere Informationen:
http://www.podcast.de/episode/322553510/Zukunft+ohne+Tierversuche/
http://www.bb3r.de/
http://sl.juris.de/cgi-bin/landesrecht.py?d=http://sl.juris.de/sl/gesamt/HSchulG_SL.htm#HSchulG_SL_rahmen